Wird Frankreich seinen nuklearen Schutzschirm auf Deutschland oder die EU ausweiten?
Die Erklärungen von Kanzler Merz, er führe als Reaktion auf das abnehmende Interesse der USA an Europa bereits Gespräche über eine Beteiligung am französischen nuklearen Schutzschirm oder gar über dessen Ausdehnung auf Europa, rufen unter vielen Experten spontanes Gelächter hervor, weil das mehr als nur unrealistisch ist.
Dass man in Deutschland und Europa über den Erwerb von Atomwaffen diskutiert, mag verständlich sein, nachdem die USA ziemlich offen sagen, dass sie von der EU nichts mehr halten, dass ihnen die NATO unwichtig geworden ist und dass ihr Fokus eher auf Asien als auf Europa liegt.
Allerdings wirft das viele Probleme auf. Die Entwicklung einer EU-Atombombe dürfte niemand wollen, weil sich die EU-Staaten kaum damit einverstanden erklären, dass der „Atomkoffer“ mit dem roten Knopf beim EU-Kommissionspräsidenten liegt. Dass einzelne EU-Staaten selbst Atomwaffen entwickeln, ist auch ziemlich unwahrscheinlich, weil wohl weder die USA noch Russland das zulassen würden. Und für Deutschland gilt zusätzlich noch die Beschränkung des 2+4-Vertrages, der Deutschland eine nukleare Bewaffnung ausdrücklich verbietet.
Daher wird in Europa nun über die Ausdehnung des französischen Nuklearschirms auf die EU diskutiert, aber da gibt es Probleme. Zunächst einmal wird Frankreich der EU oder ihren Mitgliedsstaaten kaum ein Mitspracherecht beim Einsatz französischer Atomwaffen einräumen. Und dass sich die anderen EU-Staaten Frankreich de facto unterwerfen, ist ebenso unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass Frankreich faktisch pleite ist und sich die Ausweitung seines Nuklearschirms bezahlen lassen würde. Aber wären die anderen EU-Staaten bereit, die Kosten für Frankreichs Atomwaffen teilweise zu übernehmen, wenn sie dabei nicht einmal ein Mitspracherecht bekommen?
Und hinzu kommt, dass alle eben genannten Varianten auch noch gegen den Atomwaffensperrvertrag verstoßen würden, der es klar verbietet, dass Nicht-Atomwaffenstaaten nach Atomwaffen streben.
Man sieht, dass es hier einige Probleme gibt, die wohl kaum zu lösen sind. Das gilt umso mehr, wenn man den offenen Streit und Machtkampf betrachtet, in dem sich Frankreich und Deutschland derzeit befinden.
In der TASS ist ein Artikel über die Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich erschienen, den ich als Ergänzung zu dem Thema übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Der Kampf um militärische Vorherrschaft: Der Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich
Alexander Kamkin, Germanist, Politikwissenschaftler und Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation, über die Ursachen des Konflikts zwischen den beiden großen Staaten der EU.
Die Münchner Sicherheitskonferenz wird – neben den Reden von Politikern aus der EU, den USA, China und Indien – auch wegen eines Vorfalls in Erinnerung bleiben, der den Konflikt im deutsch-französischen Tandem verdeutlicht.
Bei einem Treffen zwischen dem britischen Premierminister Keir Starmer, Bundeskanzler Friedrich Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron versuchte Letzterer, seinen deutschen Amtskollegen zu begrüßen, wurde jedoch demonstrativ ignoriert. (Anm. d. Übers.: Hier finden Sie das Video des Vorfalls) https://t.me/AntiSpiegel/14414
Was war der Grund für diese Missachtung? Eine Hypothese lautet: der Streit um die militärische Führung in der EU.
Die Geschichte der Differenzen zwischen Berlin und Paris
Lange Zeit, praktisch seit Beginn der europäischen Integration in den 1950er-Jahren, galten die Aussöhnung und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich in wirtschaftlichen, politischen und militärischen Angelegenheiten als Schlüssel zur Stärke der NATO, der EWG (Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Vorgänger der EU) und später der Europäischen Union. Die Verträge von Maastricht (1992) und Lissabon (2007) festigten die Einheit Europas durch die enge Integration seiner Mitgliedstaaten.
Auch die militärische Integration schritt voran. An der Grenze zwischen den beiden Ländern existierte sogar eine deutsch-französische Brigade und beide Länder entwickelten gemeinsam verschiedene Waffensysteme.
Noch 2024 intensivierten Paris und Berlin ihre Partnerschaft bei der Entwicklung eines neuen Panzers und einer darauf basierenden Familie von Kampffahrzeugen, dem Main Ground Combat System (MGCS, offizieller Beginn war 2018). Gleichzeitig entwickelt das deutsche Unternehmen Rheinmetall allerdings den Kampfpanzer Panther, der den Leopard 2A7 ersetzen soll.
2024 traten zwischen Paris und Berlin ernsthafte Meinungsverschiedenheiten über ihre Visionen zur militärischen Entwicklung auf. Während Deutschland sich aktiv für die Einbindung der amerikanischen Rüstungskonzerne in die Modernisierung und den Ausbau der Streitkräfte der NATO-Staaten in Europa einsetzte, bevorzugte Frankreich in diesem Bereich ausschließlich lokale Kapazitäten (auch für die Produktion von Waffen für die Ukraine). Daraufhin entbrannte ein heftiger Streit zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und Macron, der zu einer Abkühlung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern führte.
Der nukleare Schirm
Frankreich verfügt in der EU über einen Trumpf, sein nukleares Potenzial. Es ist derzeit Kontinentaleuropas einziges Argument für seine nukleare Souveränität. Auf der Münchner Konferenz kündigte Merz Berlins Pläne zur Zusammenarbeit mit Paris beim Aufbau eines gesamteuropäischen Systems der nuklearen Abschreckung an. Er erklärte, dass vertrauliche Verhandlungen zwischen den Ländern bereits begonnen hätten.
Offensichtlich sind Deutschlands Ambitionen auf eigene Atomwaffen für Frankreich inakzeptabel. Außerdem würde die Umsetzung (obwohl technisch möglich) gegen den „Zwei-plus-Vier“-Vertrag und den Atomwaffensperrvertrag verstoßen. Meiner Meinung nach ist es unwahrscheinlich, dass die deutsche Regierung diesen Schritt wagen wird. Sollte die europäische Feindseligkeit gegenüber Russland jedoch zunehmen, ist nicht auszuschließen, dass die deutsche Regierung dieses Thema auf die Tagesordnung setzt. Gleichzeitig ist Berlins Versuch, sich unter den französischen nuklearen Schutzschirm zu begeben, unrealistisch, da ich glaube, dass Paris seine nukleare Souveränität nicht teilen wird.
Es ist schwer vorherzusagen, wie sich der Aufbau eines gesamteuropäischen Systems zur nuklearen Abschreckung in der Praxis gestalten wird. Der von Berlin angestoßene nukleare Diskurs birgt jedoch die Gefahr, zu einem weiteren Streitpunkt zu werden, der die Positionen beider Länder in Fragen des Aufbaus des Militärs auseinanderdriften lässt.
Der aktuelle Zustand der Bundeswehr
Indessen stehen Deutschland und Frankreich bei der Produktion von gepanzerten Fahrzeugen und Handfeuerwaffen (trotz gewisser technologischer Integration) in direkter Konkurrenz (jeder mit seinen Stärken). Deutschland ist (gemeinsam mit Norwegen) technologisch führend in der Produktion von Diesel-U-Booten mit anaerobem Antrieb (relevant für die Ostsee und Nordsee) und Deutschland verfügt über die Kapazität zum Bau mittelgroßer Überwasserkampfschiffe (Fregatten und Korvetten), allerdings ist das deutsche Schiffbauprogramm zuletzt ins Stocken geraten, und die Liefertermine für die neuesten Korvetten werden immer wieder verschoben.
Im Bereich der Luftverteidigung stützt sich Deutschland auf das amerikanische Patriot-System und das kürzlich beschaffte israelische Arrow-3-System. Es gibt auch Pläne zur Stationierung der amerikanischen Hyperschallrakete Dark Eagle sowie Projekte im Rahmen eines europäischen Raketenprogramms mit Beteiligung der französischen ArianeGroup.
Außerdem wurde am 10. Februar auf einem Testgelände in Norwegen eine Hyperschallrakete mit einer Reichweite von 300 Kilometern getestet. Laut Angaben des Entwicklers Hypersonica (einem Münchner Start-up) verlief der Test erfolgreich. Sollte sich diese Information bestätigen, wäre das für die deutsche Rüstungsindustrie ein bedeutender Fortschritt in der Entwicklung von Hyperschallwaffen.
Dabei geht es nicht mehr nur um die Verteidigung deutschen Territoriums, sondern um die Integration in ein gesamteuropäisches Luftverteidigungssystem und die führende Rolle darin.
Und man muss auch eine wichtige Waffe moderner Rüstungsunternehmen erwähnen: unbemannte Luftfahrzeuge. In den letzten Jahren erlebte Deutschland einen Boom von Rüstungs-Start-ups (wie beispielsweise Quantum Systems), die große Stückzahlen von Kampfdrohnen produzieren, die sowohl für die Ukraine als auch für den Einsatz in den eigenen Streitkräften bestimmt sind.
Deutschlands Ambitionen, der militärische Garant Europas zu werden
Paris ist besorgt über die Dynamik der Entwicklung der deutschen Rüstung.
Die deutsche Rüstungsindustrie wächst tatsächlich rasant. Unternehmen wie Rheinmetall, Renk, Quantum und andere bauen oder planen neue Werke in Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Deutschland selbst. Die Zusammenarbeit mit skandinavischen Ländern, Großbritannien und anderen Partnern intensiviert sich.
Dabei wird die Erfahrung der ukrainischen Streitkräfte aktiv genutzt und es kommt immer häufiger vor, dass ukrainische Soldaten nicht von europäischen Ausbildern, sondern umgekehrt ausgebildet werden.
Außerdem kündigte Verteidigungsminister Boris Pistorius 2023 eine deutliche Vergrößerung der Bundeswehr an und Ende 2025 wurde die Wehrpflicht reformiert. Obwohl die allgemeine Wehrpflicht, die 2011 ausgesetzt wurde, noch nicht wieder eingeführt wurde, müssen sich alle jungen Männer ab 18 Jahren einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Zudem müssen sie einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen, in dem auch die politischen Präferenzen angegeben werden müssen. Kritiker sehen darin eine Einschränkung demokratischer Freiheiten und den Versuch, im Falle eines Konflikts illoyale Bürger zu identifizieren.
Auch die Militarisierung der deutschen Bevölkerung schreitet intensiv voran. In vielen Schulen halten Vertreter der Bundeswehr erzieherische Vorträge und in deutschen Städten sind häufig Werbeplakate der Bundeswehr zu sehen. Das geschieht nicht ohne Auswüchse. 2024 versuchte die Politische Abteilung der Bundeswehr, über 30 Generäle und Admiräle, die ihren Dienst in der Wehrmacht begonnen hatten, in die Liste der Helden der Bundeswehr aufzunehmen. Einige von ihnen (wie beispielsweise der U-Boot-Fahrer Erich Topp) dienten direkt in der SS. Nach negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit wurde die Initiative verworfen. Dies ist jedoch ein deutliches Zeichen für einen Stimmungswandel in den politischen Kreisen Deutschlands.
Auch in Paris wird diese Entwicklung mit Sorge beobachtet, da man einen deutschen Revanchismus befürchtet.
Intensivierung von Militärübungen auf Niveau des Kalten Krieges
In den letzten Jahren haben Deutschland und Frankreich die Anzahl ihrer Militärmanöver, sowohl innerhalb ihrer eigenen Armeen als auch im Rahmen internationaler Übungen, drastisch erhöht.
Tatsächlich erinnern einige Operationen, beispielsweise Deutschlands, an Komödien: etwa der Vorfall bei Übungen in Bayern im Herbst 2025, als Bundeswehrsoldaten irrtümlich in ein Feuergefecht mit der Polizei gerieten. Die Zahl der Übungen nimmt jedoch zu. Und Frankreich geht dieses Thema meiner Meinung nach systematischer an.
So begann beispielsweise am 8. Februar 2026 die französische Übung ORION 26, deren Szenario die Verlegung von NATO-Truppen in ein angeblich angegriffenes osteuropäisches Land vorsieht. Die in Deutschland durchgeführten Übungen dienen in erster Linie dazu, der russischen Aggression auf dem Territorium von NATO-Mitgliedstaaten entgegenzuwirken.
Wie geht es weiter?
Der militärtechnische Konflikt zwischen Paris und Berlin gipfelte meiner Meinung nach in Emmanuel Macrons Aussage bei einem Treffen mit Wladimir Selensky am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Dabei erklärte er, Frankreich blockiere Deutschlands Initiative, eingefrorene russische Vermögenswerte für den Kauf amerikanischer Waffen für die ukrainischen Streitkräfte zu nutzen. Paris besteht darauf, dass Waffenkäufe (auch für Kiew) ausschließlich innerhalb der EU getätigt werden. Damit betreibt Frankreich offen Lobbyarbeit für die Interessen seiner eigenen Rüstungsindustrie und verschärft die Konfrontation mit Deutschland. Obwohl deutsche Hersteller, wenn das Geld „zu Hause“ bleibt, auch nicht gerade Verluste machen.
Angesichts der Aussichten für die nächsten Jahre vermute ich, dass sich die Differenzen zwischen Berlin und Paris verschärfen könnten, denn angesichts der Haushaltsdefizite und der rückläufigen zivilen Industrieproduktion in beiden Ländern ist eine verstärkte Investition in Rüstung und ihr Exportpotenzial womöglich der einzige Weg, die Wirtschaft wiederzubeleben. Objektiv betrachtet hat Frankreich auf diesem Weg ein größeres Potenzial, aber Deutschland hat ganz klar Ambitionen, die Führungsrolle bei der Militarisierung Europas zu übernehmen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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