Stromsparen als Moral funktioniert nicht. Verstehen schon. Wer seinen Verbrauch misst, findet in den ersten Wochen fast immer Überraschungen – Geräte die mehr ziehen als gedacht, Standby-Lasten die dauerhaft laufen, Warmwasser als größter Einzelposten. Wissen ist der erste Schritt. Alles andere folgt.
Grundprinzip: Verstehen vor Handeln
Kein Verbrauch senken ohne Messung. Wer blind optimiert, trifft die falschen Stellen. Ein altes Kühlgerät das 400 kWh im Jahr zieht, wiegt mehr als zehn LED-Umrüstungen zusammen. Prioritäten setzen geht nur mit Daten.
Die richtigen Hebel
- Grundlast identifizieren – Gesamtverbrauch bei minimalem Betrieb (nachts, alle aktiven Verbraucher aus). Alles was dann noch fließt ist Grundlast: Kühlschrank, Router, NAS, Heizungssteuerung, Standby-Geräte.
- Standby-Verbrauch eliminieren – TV, Receiver, HiFi-Anlage, Ladegeräte, ältere Steckernetzteile. Jedes Gerät mit 2 W Standby kostet 17 kWh pro Jahr. Bei 20 Geräten sind das 340 kWh.
- Zeitsteuerung von Verbrauchern – Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler auf Nebenzeiten oder PV-Fenster legen.
- Lastspitzen erkennen – wann wird wie viel gezogen? Lastspitzen relevant für Tarife mit Leistungspreiskomponente oder für Speicherdimensionierung.
- Wärmeerzeuger priorisieren – Warmwasserbereitung, Heizung und Wärmepumpe sind oft 40–60 % des Gesamtverbrauchs. Hier liegt der größte Hebel.
Technische Mittel
- Shelly Plug S oder ähnliche Smart-Plugs – Verbrauch pro Gerät messen, schalten, Daten loggen. Unter 15 € pro Stück.
- Smart Meter / Zweirichtungszähler – Gesamtverbrauch in Echtzeit, mit Modbus oder SML-Schnittstelle auslesbar.
- 3-Phasen-Messung – mit Stromzangen an den Hauptphasen. Gibt das vollständige Bild ohne Umbau an der Verteilung.
- Dauerlogging – kein Stichprobenmessen. Dauerhaft loggen, Daten behalten. Verbrauch von heute mit Verbrauch vor 6 Monaten vergleichen.
- Wochen- und Monatsvergleiche – saisonale Schwankungen herausrechnen, Trends erkennen.
- kWh pro Gerät ermitteln – einmalig messen, dokumentieren, bei Ersatz als Referenz nutzen.
Typische Erkenntnisse aus der Praxis
- Kühlgeräte unterschätzt – ein alter Kühlschrank aus 2005 zieht 350–500 kWh pro Jahr. Ein aktuelles A-Gerät 100–150 kWh. Die Differenz amortisiert ein neues Gerät in 3–5 Jahren.
- Warmwasser ist oft der größte Einzelposten – elektrische Warmwasserbereitung mit 150-Liter-Boiler: 1.500–2.500 kWh pro Jahr, je nach Haushaltsgröße und Temperatur.
- Server und IT dauerhaft relevant – ein Mini-PC mit 15 W Dauerbetrieb zieht 130 kWh im Jahr. Ein alter Tower-Server mit 80 W: 700 kWh. Konsolidierung zahlt sich aus.
- Alte Umwälzpumpen sind Stromfresser – ungeregelter Nassläufer aus den 90ern: 80–120 W Dauerlast, 700–1.000 kWh pro Jahr. Hocheffizienzpumpe: 5–20 W.
Fazit
Wer seinen Stromverbrauch kennt, hört auf zu schätzen und fängt an zu entscheiden. Das ist kein moralischer Auftrag – das ist Ressourcenmanagement. Messen, verstehen, gezielt handeln. Reihenfolge zählt.