Photovoltaik ist keine Religion und kein Lifestyle. Es ist eine Investition in Infrastruktur – mit messbaren Erträgen, realen Kosten und einer Wirtschaftlichkeitsrechnung, die funktioniert oder nicht. Wer das verstanden hat, trifft bessere Entscheidungen als jeder, der Prospektzahlen glaubt.
Grundprinzip: Was passiert auf dem Dach
Module wandeln einfallendes Licht in Gleichstrom (DC). Der Wechselrichter macht daraus netzkonformen Wechselstrom (AC). So weit, so bekannt. Was viele unterschätzen: Eigenverbrauch schlägt Einspeisung wirtschaftlich fast immer. Selbst verbrauchter Strom spart den aktuellen Bezugspreis – eingespister Strom bringt die Einspeisevergütung, die seit Jahren unter dem Bezugspreis liegt. Die Rechnung ist eindeutig.
Technische Kernpunkte – was den Ertrag wirklich bestimmt
- kWp ≠ Jahresertrag. Die installierte Spitzenleistung sagt wenig ohne Ausrichtung und Dachneigung. Ein 10-kWp-System nach Süden mit 30° Neigung erzeugt deutlich mehr als dasselbe System nach Nord oder flach.
- Süd ist nicht immer optimal. Ost/West-Aufteilung produziert morgens und abends – das passt oft besser zum Lastprofil eines Haushalts als ein Süd-Peak zur Mittagszeit, den niemand verbraucht.
- Verschattung killt Strings. Ein einziges verschattetes Modul im String zieht die Leistung aller anderen runter. Optimierer oder Mikrowechselrichter lösen das – aber nur einsetzen, wo wirklich Verschattungsprobleme existieren. Unnötig verbaut bedeutet unnötige Kosten und Komplexität.
- Temperatur senkt den Wirkungsgrad. Bei −0,3 bis −0,4 % pro Grad Celsius über 25°C verliert ein heißes Sommermodul auf einem schlecht belüfteten Dach real 10–15 % Leistung gegenüber dem Datenblatt.
Die Kennzahlen, die zählen
- kWp – installierte Spitzenleistung. Ausgangsgröße, aber nicht die entscheidende.
- kWh Jahresertrag – die echte Messgröße. Wird gemessen, nicht prognostiziert.
- Eigenverbrauchsquote – Anteil des erzeugten Stroms, der direkt selbst verbraucht wird. Je höher, desto besser die Wirtschaftlichkeit.
- Autarkiegrad – Anteil des Gesamtverbrauchs, der aus PV + Speicher gedeckt wird. 60–80 % sind mit richtig dimensioniertem System realistisch.
- Einspeisevergütung vs. Strompreis – die Spreizung zwischen diesen beiden Werten bestimmt den wirtschaftlichen Vorteil des Eigenverbrauchs.
Was wirtschaftlich wirklich entscheidet
Drei Faktoren dominieren den ROI:
- Lokaler Strompreis. Bei 30 ct/kWh rechnet sich ein System anders als bei 22 ct/kWh. Wer seinen Strompreis nicht kennt, kann keinen ROI rechnen.
- Investitionskosten in €/kWp. Markt hat sich beruhigt – gute Systeme sind heute für 1.000–1.400 €/kWp schlüsselfertig realistisch.
- Wechselrichter-Lebensdauer: 10–15 Jahre. Das ist kein Pessimismus, das ist Herstellergarantie und Praxiserfahrung. Ein WR-Tausch kostet 800–2.000 €. Wer das nicht einplant, rechnet sich schön.
Dazu: Wartung ist minimal, aber Monitoring ist Pflicht. Wer nicht misst, weiß nicht ob sein System läuft oder seit drei Monaten 20 % unter Ertrag liegt.
Speicher: Was er wirklich tut – und was nicht
Ein Batteriespeicher erzeugt keinen Strom. Er verschiebt ihn zeitlich. Das klingt banal, hat aber Konsequenzen für die Bewertung: Ein Speicher erhöht Eigenverbrauch und Autarkiegrad, reduziert Netzbezug in der Nacht – mehr nicht. Wer einen Speicher kauft um „unabhängig“ zu werden, sollte erst sein Lastprofil verstehen.
Technische Kennzahlen Speicher
- Nutzbare Kapazität (kWh) – nicht die Brutto-Kapazität auf dem Datenblatt. Ein 10-kWh-Speicher mit 90 % DoD hat 9 kWh nutzbar.
- Zyklenzahl – realistisch 6.000–8.000 Vollzyklen bei LFP-Chemie. Bei einem Zyklus pro Tag sind das 16–22 Jahre. Bei schlechterem Lastmanagement oder höherer Entladetiefe weniger.
- Entladetiefe (DoD) – 80–100 % bei LFP, 80–90 % bei NMC. Wer tiefer entlädt, verschleißt schneller.
- Roundtrip-Wirkungsgrad – 90–95 %. Jede kWh die in den Speicher geht, kommt mit 5–10 % Verlust wieder raus. Kein Freifahrtschein.
- Max. Lade-/Entladeleistung – entscheidend für Peak-Shaving und für die Frage ob der Speicher schnell genug lädt wenn die Sonne mittags Vollgas gibt.
Wirtschaftliche Realität Speicher
- Speicher rechnet sich nur bei hohem Eigenverbrauch und hohem Strompreis. Wer tagsüber nicht zuhause ist und nachts viel verbraucht, profitiert mehr als jemand mit flachem Lastprofil.
- Nachtlast ist entscheidend – wie viel kWh werden zwischen 20 und 8 Uhr verbraucht? Das ist die sinnvolle Speichergröße. Nicht die Modulgröße.
- Peak-Shaving kann wirtschaftlich sinnvoll sein, besonders wenn ein Hochtarif zwischen 17–21 Uhr gilt.
- ROI ist stark abhängig vom Strompreis – und der kann sich ändern. Wer auf 30 ct/kWh für 20 Jahre rechnet, spekuliert.
- Batterieverschleiß ist real. Ein Speicher der nach 12 Jahren noch 80 % Kapazität hat, hat 20 % seiner nutzbaren Energie verloren. In der ROI-Rechnung oft ignoriert.
Typische Fehler
- Zu großer Speicher – ein 15-kWh-Speicher für einen Haushalt mit 4 kWh Nachtlast ist Kapital das nicht arbeitet.
- Kein Lastprofil vorher analysiert – ohne Daten keine sinnvolle Dimensionierung. Stromzähler oder Smart Meter auslesen, bevor irgendetwas bestellt wird.
- Marketing-Autarkie-Versprechen geglaubt – „95 % autark“ funktioniert nur im August. Im Dezember sieht die Kurve anders aus.
- Keine Reserve für WR-Tausch eingeplant – der Wechselrichter ist das schwächste Glied. Rücklagen bilden.
Systemdenken: Die richtige Reihenfolge
Wer ein PV-System plant, sollte in dieser Reihenfolge denken:
- Verbrauch optimieren – ineffiziente Geräte ersetzen, Lastprofile verstehen.
- PV dimensionieren – passend zum Verbrauch und Dach, nicht zum Nachbarn.
- Speicher passend zur Nachtlast – nicht zur PV-Leistung.
- Monitoring einbauen – kein Blindflug. Echtzeit-Monitoring ist keine Spielerei, sondern Betriebsmittel.
Eigenverbrauch maximieren durch: Warmwasser-Bereitung per Heizstab tagsüber, Wärmepumpen-Laufzeit in PV-Überschuss legen, zeitgesteuerte Verbraucher (Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler) auf Mittagsfenster setzen.
Cloud vs. lokal – wirkliche kWh zählen
Wer seinem Wechselrichter-Cloud-Portal vertraut, misst indirekt und abhängig. Wer einen eigenen S0-Impulsausgang, Modbus-Schnittstelle oder Smartmeter lokal ausliest, hat seine Daten unabhängig vom Hersteller-Server. Das ist kein Paranoia-Argument – das ist Infrastrukturhygiene. Cloud-Dienste werden abgeschaltet. Lokale Daten nicht.
Fazit: Infrastruktur vor Emotion
PV und Speicher sind Infrastruktur. Sie funktionieren wenn sie richtig dimensioniert, korrekt installiert und aktiv überwacht werden. Wer ehrlich rechnet, bekommt solide ROI-Zahlen zwischen 6 und 12 Jahren – abhängig von Standort, Verbrauch und Strompreis. Wer auf Basis von Prospekten und Autarkie-Ideologie entscheidet, wird enttäuscht. Der Unterschied liegt nicht im Produkt. Er liegt im Ansatz.