Justiz in der Krise – Verwaltungsgerichte ertrinken in Asylverfahren

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Weniger Anträge, aber mehr Anklagen – Andere Verfahren bleiben zum Schaden der Bürger auf der Strecke

paz.de📅 22.02.2026

Schlagzeilen wie „Verwaltungsgerichte am Limit” oder „Fast nur noch Asylverfahren” spiegeln eine paradoxe Entwicklung wider, die sich vergangenes Jahr massiv verschärft hat. Bereits seit zwei Jahren sinkt die Zahl von Asylanträgen, parallel erreicht die Zahl von Klageverfahren Rekordwerte an den Verwaltungsgerichten, in denen es um Asylfälle oder abgelehnte Einbürgerungen geht.

In Berlin hat sich die Zahl von Verfahren beim Verwaltungsgericht innerhalb von fünf Jahren verdoppelt. Im Jahr 2020 zählte das Gericht insgesamt gut 11.700 Verfahrenseingänge. Vergangenes Jahr war die Zahl neuer Verfahren laut einer vorläufigen Bilanz auf mehr als 21.100 gestiegen. In knapp 6.700 Fällen waren abgelehnte Asylbewerber die Kläger – fast doppelt so viele wie vor fünf Jahren.

Der Berg unerledigter Verfahren türmt sich beim Berliner Verwaltungsgericht immer höher. Bereits 2020 schoben die Verwaltungsrichter der Hauptstadt mehr als 18.000 unerledigte Verfahren vor sich her, Ende vergangenen Jahres wuchs die Zahl auf gut 23.600. Bei fast der Hälfte handelte es sich um unerledigte Asylverfahren. Genannt wurden diese Zahlen von der Senatsverwaltung für Justiz auf eine parlamentarische Anfrage des Berliner AfD-Abgeordneten Marc Vallendar.

Auch bundesweit sind die Verwaltungsgerichte inzwischen zur Hälfte nur noch mit Asylklagen beschäftigt. Als eine Hauptursache der Klageflut wird ein Nachholeffekt genannt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat in den Jahren 2024 und 2025 eine Rekordzahl an Entscheidungen getroffen. Allein 2025 schloss das Bundesamt über 310.000 Asylverfahren ab. Jede Ablehnung eines Asylantrags oder die Einstufung in einen „minderwertigen” Schutzstatus wie etwa einen subsidiären Schutz statt der Anerkennung als Flüchtling führt oft zu einer Klage vor einem Verwaltungsgericht. Mittlerweile wird bei über einem Drittel aller BAMF-Entscheidungen mit einer Klage reagiert.

Als Folge der Überlastung der Verwaltungsgerichtsbarkeit ziehen sich Verfahren hin; Bürger und Behörden müssen immer länger warten, bis ein Verwaltungsgericht eine Entscheidung in ihren Angelegenheiten trifft. Da Asylverfahren oft politisch oder rechtlich priorisiert werden, bleiben Baurecht, Umweltrecht, Gewerberecht und Ordnungsrecht durch die Flut von Asylklagen zwangsläufig oft auf der Strecke. Kurzfristig ist mit keiner Entspannung der Lage zu rechnen. Der Deutsche Richterbund schätzt, dass sich in diesem Jahr die Zahl der Asylverfahren sogar bundesweit noch einmal um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöhen wird – von 100.000 auf 150.000.

Der Bundesgeschäftsführer des Richterbundes, Sven Rebehn, fordert vor diesem Hintergrund die Bundesländer auf, die Zahl der Verwaltungsrichter aufzustocken. Das Bundesjustizministerium will mit einer Reform auf die Überlastung reagieren. Ein Entwurf sieht mehr Entscheidungen durch Einzelrichter oder in kleiner Richterbesetzung vor, auch einen besseren Schutz vor Anträgen, die „offensichtlich aussichtslos und rechtsmissbräuchlich” sind.

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