Wenn der Spiegel Hillary Clinton interviewt, gibt es keine kritischen Fragen zum Fall Epstein
Am 17. Februar hat der Spiegel unter der Überschrift „Ex-Außenministerin Hillary Clinton – »Mein Mann stand Epstein nicht nahe«“ ein kurzes Interview mit Hillary Clinton veröffentlicht, das man nur als Gefälligkeitsjournalismus bezeichnen kann, denn kritische Fragen hat der Spiegel keine gestellt, sondern Clinton stattdessen eine Bühne für ihre Abwiegelungen gegeben. Ich werde hier die drei Fragen, die der Spiegel zum Fall Epstein gestellt und die Antworten, die Clinton darauf gegeben hat, komplett wiedergeben.
Hier die erste Frage des Spiegel und die Antwort von Clinton:
„SPIEGEL: Sowohl in den USA als auch in Deutschland gibt es bei vielen ein starkes Misstrauen gegenüber der Demokratie und den Eliten. Dieses Misstrauen wuchs durch die Veröffentlichung der Epstein-Dokumente. Können Sie das nachvollziehen?
Clinton: Es gibt gute Gründe, misstrauisch zu sein. Mein Mann und ich haben gefordert, alle Akten im Fall Epstein freizugeben, ein entsprechendes Gesetz wurde von dem republikanisch dominierten Kongress verabschiedet und von Trump unterzeichnet. Die Regierung tut alles, um dieses Gesetz zu umgehen und Trump zu schützen. Das Misstrauen, insbesondere in dieser Frage, wird vor allem von der Trump-Regierung befeuert. Die Verbrechen waren schrecklich und die Menschen, die Opfer, verdienen sämtliche Informationen aus diesen Akten.“
Als kritischer Journalist, die es beim Spiegel bekanntlich nicht mehr gibt, hätte man hier nachfragen müssen, warum Clinton, sie der Meinung ist, die Opfer würden sämtliche Informationen verdienen, dies aber nicht seit 2019 gefordert hat, als Epstein verhaftet wurde. Sie hätte es von der damaligen Trump-Regierung und auch von der darauf folgenden Biden-Regierung fordern können. Das tat sie jedoch nicht, sie hat geschwiegen. Und der Spiegel fragt danach nicht.
Stattdessen lauteten die zweite Frage des Spiegel und die Antwort von Clinton darauf:
„SPIEGEL: Der Fall Epstein hat weltweit ein Bild verfestigt: dass es eine Elite gibt, die nach anderen Regeln lebt und sich gegenseitig schützt. Sie selbst gehören zu dieser Elite.
Clinton: Wissen Sie, Tausende, teils sehr bekannte Menschen, werden in den Akten erwähnt. Eine Erwähnung sollte nicht dazu verleiten, irgendwelche Schlüsse zu ziehen, denn dafür braucht es Beweise. Wenn es etwas gibt, für das jemand belangt werden sollte – dann sollte das auch passieren. Dann hätten die Menschen weniger das Gefühl: Es gibt ein Gesetz für diese Leute – und eins für alle anderen.“
Auch hier vermeidet der Spiegel jede Art von Nachfrage, denn als kritischer Journalist hätte man danach fragen müssen, warum es denn in den USA noch immer kein einziges Strafverfahren gegen die Kunden von Epstein gibt, obwohl die Epstein-Akten dem FBI inklusive aller Namen, Besuche und Zeugenaussagen seit 2019 ungeschwärzt vorliegen. Aber auch danach fragt der Spiegel nicht.
In der dritten Frage hat sich der Spiegel endlich getraut, auch mal nach Bill Clinton zu fragen:
„SPIEGEL: Wie nah standen Ihr Mann und Epstein sich?
Clinton: Er stand ihm nicht nahe. Er hat ein paar Mal Epsteins Flugzeug genommen, um karitative Projekte zu besuchen, und das war Jahre, bevor Epstein schuldig gesprochen wurde. Epstein hat seine Verbrechen verheimlicht, bis er verurteilt wurde.“
Ja, die Clintons haben die Verbindungen zu Epstein offiziell nach dessen Verurteilung im Jahr 2008 abgebrochen. Aber wohl nur offiziell, denn zur Hochzeit von Clintons Tochter Chelsea im Jahre 2010 war die inzwischen ebenfalls wegen der Epstein-Verbrechen verurteilte Ghislaine Maxwell eingeladen, die rechte Hand von Epstein, die die minderjährigen Mädchen angeworben hat, wie beispielsweise dieses Foto aus einem Artikel der Times aus dem Jahre 2020 zeigt.

Aber auch danach fragt der Spiegel nicht, sondern gibt sich mit der Antwort von Hillary Clinton zufrieden und wechselt in der nächsten Frage das Thema.
Was ist das anderes, als Gefälligkeitsjournalismus?
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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