Wie stehen die Chancen für einen großen Wirtschaftsdeal zwischen Moskau und Washington?
Der von mir sehr geschätzte Andrej Schitow, der etwa 40 Jahre TASS-Korrespondent in den USA war und daher fast alle dort handelnden Personen seit langem persönlich kennt und für mich einer der besten USA-Kenner Russlands ist, hat sich in einem Artikel mit der Frage beschäftigt, wie die Chancen für einen großen Wirtschaftsdeal zwischen Moskau und Washington stehen. Ich habe seinen Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Schließt Russland einen neues „großen Deal“ mit den USA, ohne abhängig zu werden?
Andrej Schitow darübert, warum eine Politik der globalen Mehrheit für die amerikanische Wirtschaft von Vorteil sein könnte und was das für Russland bedeutet.
Kann Russland Amerika mit seinem Humankapital, seinen Bodenschätzen, seiner günstigen geografischen Lage und anderen Handels- und Wettbewerbsvorteilen wieder zu alter Größe verhelfen? Diese Frage schwebt mindestens seit Herbst 2025 im Raum, als die Idee des Putin-Trump-Unterseetunnels zwischen Sibirien und Alaska aufkam.
Beim kürzlichen Empfang anlässlich des Tags der Diplomaten in der russischen Botschaft in Washington erklärte die US-Abgeordnete Anna Paulina Luna (Republikanerin aus Florida) gegenüber Reportern, das Potenzial eines möglichen russisch-amerikanischen Handelsabkommens werde auf 2 Billionen US-Dollar geschätzt. Und in Kiew gibt es panische Spekulationen über das sogenannte Dmitrijew-Paket im Wert von bis zu 12 Billionen US-Dollar. Kirill Dmitrijew, Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds und Sonderbeauftragter des Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland, gilt auch als Hauptverantwortlicher für das Konzept des Tunnels.
Keine rosigen Aussichten
Moskaus offizielle Reaktion auf solche Einschätzungen und Prognosen ist bekannt. Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte kürzlich mehrfach öffentlich, dass man in den Beziehungen zu den USA, auch im Bereich der Wirtschaft, „keine rosige Zukunft“ sehe, da Washington sich die globale wirtschaftliche Vorherrschaft zum Ziel gesetzt habe und diese durch eine Vielzahl von „Zwangsmaßnahmen, die nicht mit fairem Wettbewerb vereinbar sind“, umsetze.
Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, bestätigte kürzlich auf eine direkte Frage zum selben Thema, dass „über Handel und wirtschaftliche Zusammenarbeit – sowohl potenzielle als auch geplante – auf der Tagesordnung stehen und in der zuständigen Arbeitsgruppe, der Dmitrijew auf russischer Seite vorsitzt, gesprochen wird“. Andererseits warnte er: „Die Lage ist derzeit faktisch so, dass man, solange keine Einigung zur Ukraine erzielt ist, kaum über Konkretes sprechen kann. Bis dahin beschränken sich die Gespräche auf reine Diskussionen.“
Als interessierter Außenstehender teile ich diesen Eindruck. Ich bin allerdings kein Wirtschaftswissenschaftler. Daher bat ich einige befreundete Experten, darüber nachzudenken, ob die Aufregung um diesen vermeintlich großen Deal zwischen Russland und den USA primär politischer oder wirtschaftlicher Natur ist. Ist so ein Abkommen überhaupt möglich, und falls ja, führt es zu einer einseitigen oder einer gegenseitigen Abhängigkeit?
Die Politik mit wirtschaftlichen Mitteln besiegen
Ian Bremmer, Gründer und CEO der New Yorker Beratungsfirma Eurasia Group, schrieb mir in seiner Antwort: „Diese Zahlen scheinen maßlos übertrieben oder erfunden zu sein.“ Seiner Ansicht nach „spiegeln sie tatsächlich das anhaltende Interesse von Trump und seinen Verhandlungsführern Jared Kushner und Steve Witkoff wider, einen Waffenstillstand mit den Russen zu erreichen, um wirtschaftliche Deals abzuschließen“.
„Das weckt bei einigen Europäern die Befürchtung, die USA könnten es sogar vorziehen, ohne Waffenstillstand mit den Verhandlungen beginnen“, fügte der amerikanische Analyst hinzu. Er schränkte jedoch umgehend ein: „Da der US-Kongress die Sanktionen in diesem Fall nicht aufheben würde, ist es schwer vorstellbar, wie nennenswerte Fortschritte erzielt werden könnten.“
Ein hochrangiger russischer Experte, der einem Gespräch unter der Bedingung der Anonymität zustimmte, wies umgehend auf dieselbe entscheidende Bedingung hin. „Ich weiß nicht, was Dmitrijew ihnen verspricht, wir haben vieles, was sie interessieren könnte“, sagte er und nannte Beispiele „von Uran und Seltenen Erden bis hin zur Arktis“. „Aber zuerst die Aufhebung der Sanktionen. Alle! Einschließlich der Beschlagnahmung unserer Vermögenswerte und der Rückgabe des gestohlenen diplomatischen Eigentums! Und weitere Dinge, darunter die Wiederaufnahme des Flugverkehrs.“
Er ist überzeugt, dass das Interesse der USA an dem vorgeschlagenen Abkommen „zweifellos“ primär wirtschaftlich und nicht politisch motiviert ist. „Wir wissen, dass Amerika in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage ist“, sagte er. „Wir beobachten [weltweit] einen zunehmend rapiden Vertrauensverlust in den Dollar. Es gibt sogar Anzeichen für eine spontane Rückkehr zum Goldstandard: Alle horten Gold und verkaufen Dollar.“ Hinzu käme ein weiteres zentrales systemisches Problem: die US-Staatsverschuldung, die „wächst und weiter wachsen wird“.
„Und generell interessiert sich die derzeitige amerikanische Regierung mehr für Geld“, erklärte der Experte und bestätigte damit eines der Axiome der modernen Geopolitik. In Russland ist das natürlich jedem klar, der Experte sieht unseren Ansatz (seiner Ansicht nach „sehr clever und gerissen“) als Versuch, „die Politik mit wirtschaftlichen Mitteln zu besiegen“. Und man kann nicht widersprechen.
Vor diesem Hintergrund hält der Interviewpartner einen neuen „großen Deal“ zwischen Moskau und Washington für „theoretisch möglich“. Bezüglich der Abhängigkeit sagte er: „Ja, sie wird wachsen, aber es wird eine gegenseitige Abhängigkeit sein: Wir werden beide Geld verdienen.“
Koffer voller Geld?
Am Primakow-Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen begann Sergej Kislitzyn, stellvertretender Direktor für Forschung und Amerikastudien, erneut mit den Sanktionsbarrieren. „Jeder Geldtransfer muss über ein Zahlungssystem abgewickelt werden“, sagte er. „Solange die Sanktionen nicht aufgehoben sind, fürchte ich, dass wir keine normalen Beziehungen aufbauen können.“
Kislitzyn geht davon aus, dass „Amerikaner nicht über Chinas UnionPay handeln werden“ (und, wie er hinzufügte, „es funktioniert auch nicht besonders gut“). Daher „brauchen wir mindestens das SWIFT-System, und das befindet sich in Belgien“, sagte er. „Folglich stellt sich auch das Problem der europäischen Sanktionen. Oder wir müssen Koffer voller Geld über den Pazifik transportieren. Welche anderen Optionen gibt es?“
Seiner Meinung nach ist das ein technisches, aber äußerst wichtiges Problem, weil die US-Regierung die Unternehmen nicht kontrolliert, und diese selbst werden – auch noch gegen die europäischen Sekundärsanktionen – nicht nach einer Möglichkeit suchen, mit uns Handel zu treiben. Was auch immer klassische Marxisten über die Profitgier des Kapitals sagen mögen…
Abhängigkeit ist nicht gleich Abhängigkeit
Technische Probleme sind natürlich lösbar. Und Kislitzyn meint, dass Russland den USA – „im Interesse der Annäherung“ – sogar helfen könnte, „to de-weaponise the Dollar“. „Als globale Reservewährung sollte er universell sein, sonst hat er keinen Sinn“, erklärte der Experte. „Es ist etwas anderes, wenn er als Waffe eingesetzt wird. Aber auch die Amerikaner verstehen, dass es für sie nicht vorteilhaft ist, diesen Hebel bis zum Äußersten auszureizen“.
Das Problem der „Weaponisation“ des Dollars, also der Wahrnehmung des amerikanischen Geldes als „Papiersoldat“, wurde schon oft diskutiert und mittlerweile muss man sogar daran erinnern, dass er für die USA auch eine ganz normale Landeswährung ist. Daher die Idee, Onkel Sam zu helfen, das Image des Dollar wiederherzustellen.
Laut Kislitzyn ist die Aufgabe der künftigen Wiederbelebung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen jedenfalls „nicht viel einfacher als der Konflikt in der Ukraine selbst“ (und wir haben im Übrigen immer gesagt, dass dia nur eine der Fronten im hybriden Krieg mit dem kollektiven Westen ist). „Die moderne Wirtschaft ist so vernetzt, alles ist so miteinander verflochten und standardisiert, dass selbst ein Deal mit den Amerikanern noch lange nicht das Ende bedeutet“, meint er. „Obwohl das an sich nicht schlecht wäre: Schließlich ist es die größte Volkswirtschaft der Welt nach nominalem BIP.“
Daher schlägt er vor, das Problem der Abhängigkeit in diesem Zusammenhang zu betrachten. „Gegenseitige Abhängigkeit ist gut, das ist Nachfrage“, erklärte er. „Wenn man nicht am Anfang der Wertschöpfungskette steht, also keine Rohstoffe liefert, sondern irgendwo in der Mitte, also in der eigenen Produktion technologische Verarbeitungsprozesse durchführt, dann läuft es bestens.“
Und für die USA, so der Experte, sind etwa 45 Prozent der Importe „Vorprodukte des Konsums, also Güter, die in Amerika ankommen, verarbeitet und dann exportiert werden“. „Das ist die Stärke einer entwickelten Volkswirtschaft“, sagte er. „Es wäre wahrscheinlich gut für uns, uns in solche Abhängigkeiten, in solche Wertschöpfungsketten zu integrieren, denn das ist die Grundlage für Entwicklung, Gewinn und wirtschaftliche Stabilität.“
Wahlmöglichkeiten und Diversifizierung
Für Jaroslaw Lissovolik, Gründer und CEO von BRICS+ Analytics und ehemaliger Chefanalyst der Sberbank, sind Wahlmöglichkeiten, also vielfältige Optionen, und Diversifizierung die Schlüsselbegriffe. „Wenn sich eine zusätzliche Option von einem wichtigen Partner wie den USA ergibt, sollten wir diese nutzen, gleichzeitig aber auch andere Bereiche entwickeln“, sagte er. „Wir sollten unseren Ansatz im globalen Süden nicht verlangsamen, sondern beschleunigen. Wir sollten die Beziehungen zu den ASEAN-Staaten, der derzeit am schnellsten wachsenden Region der Welt, ausbauen. Auch unseren Nachbarländern sollten wir gebührende Aufmerksamkeit schenken.“
Lissovolik führte diesen letzten Punkt näher aus und hob „eine Region wie Zentralasien hervor, wo einzelne Länder in den letzten Jahren sogar zweistellige Wachstumsraten verzeichnet haben“. „Das ist zum Teil auf die verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit in Eurasien zurückzuführen“, erklärte der Experte. „Diese Region liegt zentral zwischen Russland, China und Indien. Und mit der Intensivierung der Handelsströme haben diese Länder natürlich von dieser wirtschaftlichen Dynamik profitiert.“
Bezüglich der BRICS-Staaten erinnerte der Leiter von BRICS+ Analytics daran, dass Trump das ganze Jahr über versucht habe, diese Gruppe zu bekämpfen. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass die BRICS-Staaten der amerikanischen Wirtschaft erhebliche Vorteile bringen können.
So betrachten sowohl die USA als auch Europa beispielsweise die Handelsdefizite mit China als Problem. Die BRICS-Staaten hingegen fördern aktiv den Handel untereinander. „Wenn der globale Süden Waren absorbiert, entlastet das die amerikanische Wirtschaft“, erklärte der Experte. „Es zeigt sich, dass ein verstärkter Handel innerhalb der BRICS-Staaten ein Weg ist, das US-Handelsungleichgewicht auszugleichen.“
Dasselbe gilt für die Migration, die dem Weißen Haus große Sorgen bereitet. „China, Russland und viele BRICS-Staaten benötigen Migranten und Arbeitskräfte“, sagte Lissovolik. „Manchmal gibt es sogar Anzeichen für einen Wettbewerb um diese Migrationsströme im globalen Süden. Sollte sich dieser Trend verstärken und die Ströme im Rahmen von BRICS+ reguliert und organisiert werden, würden die USA und Europa, die sich über Migrationswellen beklagen, erheblich davon profitieren. Der Druck durch die Migrationsströme würde nachlassen.“
Darüber hinaus verringert die Umverteilung von Kapital entlang der Süd-Süd-Achse nach Ansicht des Experten die Gefahr eines übermäßigen Kapitalzuflusses aus Entwicklungsländern in westliche strategische Unternehmen und Sektoren, also in Wirtschaftsbereiche, in denen Amerikaner und Europäer äußerst misstrauisch gegenüber Investoren aus dem globalen Süden sind, die die Kontrolle übernehmen könnten. Der Verdacht, die BRICS-Staaten könnten den Dollar untergraben, seien unbegründet, schon allein deshalb, weil, wie bereits erwähnt, sich niemand ihn einseitig von ihm abgewendet hat. Und so weiter. Insgesamt, wie Lissovolik erneut betonte, „ist das Vorgehen der BRICS-Staaten (und vor allem die Entwicklung der Beziehungen entlang der Süd-Süd-Achse) für die aktuelle Agenda der US-Wirtschaft sehr vorteilhaft.“
Raum oder Zeit?
Ich möchte noch ein paar Worte hinzufügen. Ich verstehe diejenigen, die eine „neue Abhängigkeit“ von den USA befürchten. Die Yankees haben immer mit neidischem Blick auf unser Sibirien geschaut. Erinnern wir uns beispielsweise an den Aufruhr nach dem Zusammenbruch der UdSSR, ausgelöst durch die angebliche Aussage der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright, dass Russland Sibirien kontrolliere, sei „ungerecht“ (sie versicherte mir persönlich im Nachhinein, dass das eine Legende sei). Doch wir haben die Lektionen der Geschichte gelernt, genau deshalb führen wir jetzt Krieg…
Die Aussichten auf eine Normalisierung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen Russlands mit dem Westen sind derzeit direkt an die Lösung des Ukraine-Konflikts geknüpft. Als wichtigste Probleme werden dort die Gebietsfragen betrachtet.
Mich lässt jedoch der Gedanke nicht los, dass der entscheidende Faktor jetzt nicht der Raum, sondern die Zeit ist. Trump plant im April einen wichtigen Besuch in China. Als Nächstes wird er mit nationalen und persönlichen Jubiläen, den anstehenden US-Kongresswahlen und Gott weiß was noch beschäftigt sein, einschließlich der Fußball-Weltmeisterschaft.
Viele meiner amerikanischen Bekannten meinen, er sei bestenfalls bereit, sich bis Ostern mit der Ukraine zu befassen und diese Last dann einfach abzuwerfen. Und dann wird es für die Kriegstreiber in Europa keine Zurückhaltung mehr geben. Ich denke, deshalb haben sie es jetzt so eilig.
Und ob der Beringstraßen-Tunnel gebaut wird, steht noch völlig in den Sternen. Selbst als ich die Management des Russischen Direktinvestitionsfonds bat, lediglich zu bestätigen, dass diese Idee nicht offiziell verworfen wurde, erhielt ich die übliche Antwort: „Kein Kommentar.“ Nun, das ist der altbekannte und einzig richtige Ansatz in jedem Heilungsprozess: Vor allem keinen Schaden anrichten.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Nächster Beitrag: Der neueste Trick aus Frankreich zur Manipulation von Wahlen